Claude im Unternehmen: was der Assistent leistet und wo er sich von Copilot unterscheidet

Symbolbild künstliche Intelligenz

Wer heute über KI im Büro spricht, meint meistens Microsoft Copilot oder ChatGPT. Claude von Anthropic taucht in diesen Gesprächen seltener auf, obwohl er in vielen Unternehmen längst mitläuft — oft zunächst inoffiziell, weil einzelne Mitarbeitende ihn für sich entdeckt haben. Dieser Beitrag ordnet ein, was Claude im Arbeitsalltag tatsächlich leistet, worin er sich von Copilot unterscheidet und welche Fragen Sie vor einer Einführung beantwortet haben sollten.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Modell

Die Versuchung ist gross, KI-Assistenten über Benchmarks zu vergleichen. Für den betrieblichen Einsatz ist das die falsche Ebene. Die Modelle von Anthropic, OpenAI und Google liegen in ihren Fähigkeiten nah beieinander, und der Vorsprung wechselt mehrmals pro Jahr die Seite. Was sich nicht jedes Quartal ändert, ist die Bauweise.

Copilot ist tief in Microsoft 365 verankert. Er sieht, worauf Ihr Konto Zugriff hat — Mails, Dateien, Termine — und arbeitet direkt in Word, Excel und Teams. Das ist seine Stärke und zugleich seine Bedingung: Wo Berechtigungen unsauber gepflegt sind, wird das sofort sichtbar.

Claude geht den umgekehrten Weg. Er hat standardmässig keinen Zugang zu Ihren Firmensystemen. Sie bringen die Unterlagen mit, an denen gearbeitet werden soll. Das klingt nach einem Nachteil, ist aber in vielen Fällen der Grund, warum Fachabteilungen damit schneller vorankommen: Es braucht keine Lizenzumstellung und keine Berechtigungsbereinigung, bevor der erste sinnvolle Arbeitsschritt möglich ist.

Was Claude im Arbeitsalltag konkret leistet

Drei Bausteine prägen die tägliche Arbeit damit.

Unterhaltungen sind der Einstieg — ein Dialog, in dem Sie ein Problem schrittweise durchdenken statt eine Frage abzuschicken und eine Antwort entgegenzunehmen. Der Unterschied zu einer Suchmaschine liegt im Nachfassen.

Projekte sind Arbeitsräume mit eigenem Wissensvorrat. Sie hinterlegen dort einmal die Unterlagen, die immer wieder gebraucht werden — Offertvorlagen, Produktbeschreibungen, interne Richtlinien — und jede Unterhaltung in diesem Projekt greift darauf zu. Für wiederkehrende Aufgaben ist das der grösste Zeitgewinn, und er lässt sich im Team teilen.

Artefakte sind Ergebnisse, die nicht im Chatverlauf verschwinden: ein Dokument, eine Tabelle, eine Auswertung, die daneben entsteht und die Sie gemeinsam überarbeiten, bis sie stimmt. Wer schon einmal versucht hat, einen langen Text im Chatfenster in Form zu bringen, kennt den Unterschied.

Dazu kommen Anbindungen an Drittsysteme. Über einen offenen Standard lassen sich Dateiablagen, Kalender, Ticketsysteme oder ein CRM verbinden, sodass der Assistent dort lesen und unter Auflagen auch schreiben darf. Genau hier beginnt allerdings der Teil, der eine Entscheidung braucht — dazu weiter unten.

Direkt in Excel, Word, PowerPoint und Outlook

Der Punkt, der in Schweizer Büros am meisten verändert, ist neueren Datums: Claude gibt es inzwischen als Erweiterung direkt in den Microsoft-Office-Anwendungen. Excel, Word und PowerPoint sind allgemein verfügbar, Outlook befindet sich in der Erprobungsphase. Ausgeliefert wird das über Microsoft AppSource, installiert wird es zentral durch die Administration im Microsoft-Admin-Center – Ihre Mitarbeitenden müssen also nichts selbst einrichten. In den bezahlten Plänen ist es enthalten.

Der Unterschied zum Browser-Fenster ist grösser, als es klingt. Sie bleiben in der Datei, an der Sie ohnehin arbeiten: Der Assistent sieht die Tabelle, nicht eine hineinkopierte Fassung davon. Und weil eine Unterhaltung den Zusammenhang über alle vier Anwendungen trägt, ziehen Änderungen durch – Sie passen eine Annahme in der Excel-Kalkulation an, und die Zahl im Word-Memo und die Grafik in der Präsentation gehen mit.

Für eine Schulungsorganisation wie uns ist das der unmittelbar sichtbare Nutzen: Wer Excel gut beherrscht, wird damit schneller. Wer Excel nicht beherrscht, wird es damit nicht plötzlich – die Werkzeugkenntnis bleibt die Grundlage, der Assistent ist der Hebel darauf.

Wo die Grenzen liegen

Drei Punkte, die in der Praxis regelmässig unterschätzt werden.

Erstens: Der Assistent weiss nichts über Ihr Unternehmen, was Sie ihm nicht geben. Er kennt Ihre Preisliste nicht, Ihre Projekthistorie nicht und Ihre internen Abkürzungen nicht. Das ist kein Mangel, sondern eine Konsequenz der Bauweise — aber es heisst, dass die Qualität der Ergebnisse direkt davon abhängt, wie gut Sie den Kontext liefern. Das ist eine erlernbare Fähigkeit, und es ist der Grund, warum Schulung hier mehr bewirkt als Lizenzen.

Zweitens: Formulierungssicherheit ist kein Wahrheitsbeweis. Wo es um Zahlen, Fristen, Rechtsfragen oder Kundenzusagen geht, gehört jede Aussage geprüft. Der Assistent beschleunigt den Weg zum Entwurf, er ersetzt die fachliche Verantwortung nicht.

Drittens: Nicht jede Aufgabe gewinnt. Bei kurzen, klar definierten Tätigkeiten kostet das Formulieren eines guten Auftrags mehr Zeit, als die Aufgabe selbst dauert. Der Nutzen entsteht dort, wo Umfang, Wiederholung oder Recherche im Spiel sind.

Datenschutz: was Schweizer Unternehmen klären sollten

Anthropic trainiert seine Modelle bei Geschäftskunden nicht standardmässig mit den Inhalten aus Unterhaltungen; bei privaten Konten ist das Mitwirken am Modelltraining eine Einstellung, die aktiv eingeschaltet werden muss. Gelöschte Unterhaltungen verschwinden laut Anbieter innerhalb von 30 Tagen aus den Systemen. Für Geschäftspläne und die Programmierschnittstelle gelten eigene, weitergehende Bedingungen.

Das entbindet Sie nicht von der eigenen Hausaufgabe. Unter dem revidierten Datenschutzgesetz bleiben Sie als Unternehmen verantwortlich für das, was Ihre Mitarbeitenden in ein solches Werkzeug eingeben. Drei Fragen sollten schriftlich beantwortet sein, bevor die erste Lizenz gekauft wird: Welche Datenkategorien dürfen hinein und welche nicht? Wer darf Anbindungen an Firmensysteme freigeben? Und wie werden Ergebnisse gekennzeichnet, die mit KI-Unterstützung entstanden sind?

Wer im EU-Raum tätig ist, hat zusätzlich den AI Act im Blick zu behalten. Für den allgemeinen Büroeinsatz sind die Pflichten überschaubar, aber die Schulungspflicht für Mitarbeitende, die KI-Systeme einsetzen, betrifft praktisch jedes Unternehmen.

Bevor Sie Lizenzen verteilen

Die Erfahrung aus Einführungsprojekten ist eindeutig: Der Engpass sind selten die Werkzeuge, sondern die Anwendungsfälle. Wer Lizenzen breit verteilt, ohne die drei bis fünf konkreten Aufgaben zu benennen, die damit besser werden sollen, erlebt nach sechs Wochen eine Nutzungskurve, die gegen null geht.

Was sich bewährt hat: eine kleine Gruppe startet mit klar benannten Aufgaben, baut dafür wiederverwendbare Vorlagen, und diese Vorlagen werden zur Grundlage für die Breite. Parallel dazu die Spielregeln festlegen — lieber drei, an die sich alle halten, als ein zehnseitiges Papier, das niemand liest.

Zusammen mit Power Automate: der Entwurf liegt da, Sie entscheiden

Hier wird es für Unternehmen wirklich interessant. Ein KI-Assistent formuliert gut, aber er startet nicht von selbst. Ein Ablauf in Microsoft Power Automate startet zuverlässig, formuliert aber hölzern. Zusammengenommen decken sie die ganze Strecke ab.

Ein Beispiel aus dem Alltag: Eine Anfrage trifft im gemeinsamen Postfach ein. Der Ablauf erkennt sie, holt die Kundendaten aus dem CRM und die passenden Konditionen aus der Preistabelle, und legt die Antwort als Entwurf im Postfach ab – formuliert im Ton Ihres Hauses, weil die Vorlage dafür hinterlegt ist. Ein Mensch liest, ändert zwei Sätze und schickt ab.

Genau das ist der ehrliche Nutzen, und die Betonung liegt auf dem letzten Satz. Nicht «die Kommunikation läuft von allein», sondern: Die Rohfassung ist fertig, wenn Sie das Postfach öffnen. Das spart bei wiederkehrenden Anfragen den grössten Teil der Zeit, und die Verantwortung für das, was rausgeht, bleibt dort, wo sie hingehört.

Drei Regeln haben sich dabei bewährt. Automatisieren Sie erst, wenn der Ablauf von Hand sauber funktioniert – ein unklarer Prozess wird durch Automatisierung nicht klarer, nur schneller falsch. Lassen Sie nichts ohne menschliche Freigabe nach draussen gehen, solange es um Kunden, Geld oder Zusagen geht. Und beginnen Sie mit der Anfrage, die bei Ihnen am häufigsten eintrifft, nicht mit der kompliziertesten.

Schulung: was sinnvoll ist

Für Claude gibt es keine Herstellerzertifizierung für Endanwender. Was zählt, ist die praktische Fähigkeit, gute Aufträge zu formulieren, Kontext beizusteuern und Ergebnisse kritisch zu prüfen. Bei CT Academy decken das mehrere Kurse ab, je nach Ausgangslage:

Alle Kurse führen wir als Online Live Webinar, im Klassenraum in Wangen-Brüttisellen oder als Firmenseminar bei Ihnen vor Ort durch.

Kurz gefasst

Claude ist kein Copilot-Ersatz und keine Copilot-Alternative im engeren Sinn, sondern ein anders gebautes Werkzeug. Wo Copilot seine Stärke aus der Nähe zu Ihren Microsoft-Daten zieht, liegt die Stärke von Claude im Arbeiten mit den Unterlagen, die Sie ihm gezielt geben — und im Aufbau wiederverwendbarer Strukturen für Aufgaben, die sich wiederholen. Viele Unternehmen fahren am Ende zweigleisig. Entscheidend ist nicht, welches Logo auf dem Werkzeug steht, sondern ob Ihre Leute wissen, wofür sie es einsetzen und wo sie die Finger davon lassen.

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